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Eine Zeit ohne Tod [Saramago]

„Am darauffolgenden Tag starb niemand.“ Das ist der erste Satz des Buches Eine Zeit ohne Tod des portugiesischen Autors und Nobelpreisgewinners José Saramago. Das Buch spielt die Vorstellung durch, was mit einer Gesellschaft passiert, in der der Tod ewig aufgeschoben wird. Dieser Umstand stürzt das nicht näher bezeichnete Land, in dem die Handlung spielt, innerhalb kürzester Zeit in den Ausnahmezustand. Sterbende, deren letztes Stündlein in jeder Minute erwartet wurde, verharren in diesem Zustand zwischen Leben und Tod. Uralte Menschen sehen sich plötzlich mit der Perspektive eines ewigen Alters konfrontiert. Für die Bestattungsindustrie ist das eine Katastrophe. Auch Krankenhäuser und Pflegeheime erwarten mit Gewissheit, dass ein stetig ansteigender, niemals sich abbauender Berg von Insassen sie bald überfordern wird. 

Hier ein Ausschnitt, die flammende Rede eines Vertreters der Alten- und Pflegeheime, deren Angestellten sich eine berufliche Zukunft nicht vorstellen können, „in der die Objekte ihrer Pflege niemals mehr Gesicht und Körper wechselten“ und die außerdem Angst davor haben, dass niemand mehr da ist, der sich um sie kümmert, wenn sie alt und pflegebedürftig werden: 

… es sei denn, wir setzen ein paar Insassen auf die Straße, die Regierung ist ja selbst schon auf diese Idee gekommen, als es um die Überfüllung der Krankenhäuser ging, die Familie soll wieder Verantwortung übernehmen, hieß es, doch da muss erst einmal jemand gefunden werden, der noch genügend Grips im Kopf und ausreichend Energie im Körper hat, Gaben, welche, wie wir aus eigener Erfahrung und äußerer Anschauung wissen, die Wirkungsdauer eines Seufzers haben verglichen mit dieser neu eingeführten Ewigkeit, die Lösung wäre, falls es keine qualifiziertere Meinung dazu gibt, die Heime des glücklichen Lebensabends zu vervielfachen, und zwar nicht, indem man wie bisher alte Villen und Herrenhäuser nutzt, die schon bessere Zeiten gesehen haben, sondern durch den Entwurf völlig neuer Gebäude, in Form eines Fünfecks, zum Beispiel, oder eines Turms von Babel, eines Labyrinths von Knossos, zunächst nur als einzelne Stadtviertel, dann ganze Städte, später Metropolen oder, grausamer ausgedrückt, lebende Friedhöfe, wo auf fatale und unwiderrufliche Weise das Alter gepflegt wird, so wie Gott es gewollt hat, bis wer weiß wann, schließlich sind die Tage nicht mehr gezählt, das Problem ist jedoch, und wir betrachten es als unsere Pflicht, die zuständigen Behörden darauf hinzuweisen, dass es mit der Zeit nicht nur immer mehr Menschen in Altersheimen geben wird, sondern dass auch immer mehr benötigt werden, die sich um diese kümmern, weshalb sich die Alterspyramide sehr schnell ins Gegenteil verkehren wird, eine stetig anwachsende Masse von Alten dort oben, die wie eine Pythonschlange die jungen Generationen verschlingt, welche wiederum mehrheitlich zu Pflege- und Verwaltungspersonal von Altersheimen werden, und wenn sie die beste Zeit ihres Lebens geopfert haben, um Greise jeglichen Alters zu pflegen, normal alte oder steinalte, Unmengen von Eltern, Großeltern, Urgroßeltern, Ururgroßeltern, Urururgroßeltern, Ururururgroßeltern und so weiter und so fort, ad infinitum, werden sie sich einer nach dem anderen zu diesen gesellen, wie Blätter, die sich von den Bäumen lösen und auf die Blätter vergangener Herbste niederfallen, mais òu sont les neiges d’antan, auf diesen ungeheuren Ameisenhaufen von Menschen, die im Laufe ihres Lebens Zähne und Haare verloren haben, auf diese Legionen von Fehlsichtigen und Schwerhörigen, Menschen mit Leistenbrüchen, Katarrh, Oberschenkelhalsbruch, Gelähmte, unsterblich gewordene Schwindsüchtige, die nicht einmal in der Lage sind, den Speichel zu behalten, der ihnen über das Kinn rinnt, Verehrte Regierungsmitglieder, vielleicht wollen Sie uns ja nicht glauben, aber das, was hier über uns hereinbricht, ist der schlimmste Albtraum, den ein menschliches Wesen je zu träumen vermochte, nicht einmal in diesen dunklen Höhlen, in denen nur Angst und Zittern herrschte, hat man so etwas je gesehen, das sagen wir mit unserer Erfahrung aus dem ersten Heim des glücklichen Lebensabends, natürlich waren das damals ganz andere Dimensionen, aber zu irgendetwas muss die Phantasie schließlich gut sein, und wenn wir ganz offen zu Ihnen sprechen dürfen, dann doch lieber den Tod, Herr Premierminister, lieber den Tod als dieses Los.

Das Buch ist 2007 erschienen bei Rowohlt Hamburg, das portugiesische Original unter dem Titel As Intermitências da Morte im Jahr 2005. Saramago starb im Juni vergangenen Jahres auf Lanzarote.