Schlagwörter

Oliver Müller: Verwandte Zombifizierungen - Bildgebung. Psychomacht. Philosophie.

Die Untoten-Thematik der Biomedizin grenzt an verschiedener Stelle an andere epistemologische, gesellschaftliche und philosophische Diskurse, die an drei Feldern exemplarisch umrissen werden sollen.

DAS BILD UND DAS LEBENDIGE
Für das Untoten-Thema wichtig ist die Rolle der bildgebenden Verfahren.

Die etwa in den Neurowissenschaften generierten Bilder entstehen auf der Basis technisch notwendiger Normierungen. Die Bilder, die insbesondere durch PET oder durch fMRI generiert werden, sind keine Abbilder 'innerer Zustände', sondern Artefakte:

Extrem ausschnitthaft gewonnene, modellgerechte (digitale) Messdaten werden also in einem gesonderten Schritt zu ‚Bildern’ verarbeitet, bevor die Hirnforschung hier – scheinbar analog, scheinbar als blickten wir in den Kopf – etwas ‚zeigen’ kann. (Gehring: Was ist Biomacht?, S. 192).

Daher ist man in den bildgebenden Verfahren zwar in der Lage, Lokalisierungen vorzunehmen, man kann aber keine Funktionen von Hirnleistungen damit beschreiben – was aber das zentrale Interesse der Neurowissenschaften ist, die über die klassische Neuroanatomie herausgehen will. Trotzdem ist die Neurowissenschaft gerade wegen der Bilder derzeit so erfolgreich. Während die Gentechnik sich noch auf Metaphern stützte ('Blaupause des Lebens', 'Information'), haben die Neurowissenschaften den Vorteil, keine Metaphern mehr zu benötigen. Doch was haben diese Bilder für einen Status, sind sie aufgrund der epistemologischen Schwierigkeiten selbst das Untote?
In der langsam beginnenden internationalen Debatte um die epistemologischen Probleme der Bio-Bilder stellt sich immer häufiger die Frage, warum man überhaupt Bilder braucht und nicht mit den Daten selbst arbeitet. Der Reiz, mit Bildern statt mit Daten zu operieren hat sicher anthropologische Gründe und mit der Suggestivkraft von Bildern zu tun. Die Frage wäre: Was bedeutet die reduktionistische Überlagerung von Körper und Bewusstsein durch konstruierte Bilder (Bildgebung hat auch Konsequenzen für das Hirntodkriterium: neue Aspekte einer alten Diskussion über den Dualismus des Menschenbildes). Sind die Medizinbilder das Untote, das den lebendigen Körper überlagert? Entspringt das Untote dem Vorgang des zum Bild eines Bildes Werden? Wird der Leib durch Bilder korporifiziert (nach der Plessnerschen Unterscheidung von 'Leib sein' und 'Körper haben')? Was für ein Bildbegriff liegt hier vor?

ZOMBIFIZIERUNG DURCH PSYCHOMACHT: 'DIE GLEICHGÜLTIGEN'
Bernard Stiegler hat in seinem Buch Prendre soin (Deutsch: Die Logik der Sorge. Verlust der Aufklärung durch Technik und Medien. Frankfurt am Main 2008/ Von der Biopolitik zur Psychomacht. Frankfurt am Main 2009) den Übergang von der Biopolitik zur Psychomacht beschrieben. In Abgrenzung zu Foucault sieht er in der 'Zerstörung der Aufmerksamkeit' das zentrale Problem. In genauen phänomenologischen Analysen (etwa der Synaptogenese) zeichnet er die Manipulation der Gehirne durch Medientechnologien nach und sieht in der Gleichgültigkeit den Verlust der Aufklärung. Das In-Humane ist das Gleichgültige. Vor diesem Hintergrund beschreibt er den 'Gegensatz zwischen den Interessierten und den Fahrlässigen – zwischen jenen, die Sorge tragen, und jenen, denen alles egal ist' (Stiegler: Von der Biopolitik zur Psychomacht, S. 133f.) Damit wird eine Form der 'totalen Herrschaft' manifest, die eine subtile Form der Ausgrenzung durch zerebrale Zerstörung ist, da hier die Exklusion die Inklusion, nämlich als Konsumenten, einschließt, die aber gleichwohl 'lebende Leichname' produziert, um eine Begriffs- bzw. Metaphernbildung von Hannah Arendt aufzugreifen (Hannah Arendt: Elemente und Ursprünge totalitärer Herrschaft. Antisemitismus, Imperialismus, Totalitarismus. München 1986, S. 929ff.).

Stiegler beschreibt die Zombifizierung von jugendlichen 'Bewusstseinen' übrigens auch vor dem Hintergrund der Matrix der Kulturtechniken als 'Pharmaka'. Damit kann an den für die Zombie-Thematik wichtigen Bildbereich der Infektion, des Giftes und des Gegengiftes angeknüpft werden. Gleichzeitig ist Stieglers Ansatz interessant, weil hiermit ein Übergang vom biomedizinischen Feld zu gesellschaftlichen 'Zombifizierungen' möglich ist (etwa mit Blick auf die Opfer von Fernsehshows).

DER 'PHILOSOPHICAL ZOMBIE'
Der Zombie in den Gedankenspielen der analytischen Philosophie (Titel einer Tagung: 'Conversations with Zombies') hat mit dem filmischen Zombie die Abwesenheit personaler Eigenschaften und von Gefühlen gemeinsam, unterscheidet sich von diesem aber durch seine körperliche Unversehrtheit und durch das menschenförmige Verhalten. Die Pointe ist, dass der philosophische Zombie nicht von einem Menschen unterschieden werden kann, da er menschentypisch redet, denkt, sich über seine Gefühle unterhält etc. – obwohl er kein Bewusstsein und keine Gefühle hat (in diesem Kontext wird auch vom 'Turing-Test für Zombies' gesprochen). Das insbesondere von David Chalmers (The conscious mind. In search of a fundamental theory. Oxford 1996, S. 94ff.) verwendete (und insbesondere von Daniel Dennett als fehllaufend bekämpfte) Argument lautet: Wenn Zombies denkbar sind, dann ist ein strenger Naturalismus/Physikalismus in der Theory of Mind widerlegt (denn das Beweisziel ist eben das Bewusstsein). So gibt es in der Theory of Mind einen permanenten 'Zombie-Verdacht', der sich bisweilen in einer Art philosophischem McCarthyismus – hinter dieser Theorie müssen doch Zombies stehen! Jene Theorie ermöglicht die Existenz von Zombies! – äußert.
Ablesbar an dieser Debatte ist: Zombies erscheinen hier als Zerrbild des Szientismus. Wenn Zombies im Szientismus denkbar sind, dann gebiert der Traum der Vernunft Zombies. Insofern ist die Zombie-Debatte Ausdruck der Angst vor der 'Wegrationalisierung' elementarer menschlicher Eigenschaften, Verlustangst hinsichtlich von Kernüberzeugungen unseres Menschenbildes. Das Eingangszitat von Chalmers stammt aus dem Buch My Zombie Valentine von Dian Curtis Regan. In einer Szene wird um ein Antidot gebeten. Welches Antidot? 'The antidote for zombie poison.'

Oliver Müller ist einer der wissenschaftlichen Leiter des Projekts Die Untoten und bietet während des Kongresses die charismatische Beratung 9: 'Menschendesign' an.