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Das fremde Herz [Jean-Luc Nancy]

‚Tatsächlich gibt es nichts, was auf so unerträgliche Art und Weise unbrauchbar und überflüssig wäre wie das Organ, das Herz genannt wird,
dieses schmutzigste aller Mittel, das die Wesen erfinden konnten, um Leben in mich zu pumpen.’ Mit diesem drastischen Zitat Antonin Artauds beginnt Jean-Luc Nancy seinen Essay Der Eindringling. Das fremde Herz, einer philosophischen Verarbeitung seiner eigenen Erfahrung einer Herztransplantation.

Der Schauspieler, Regisseur, Dichter und Theatertheoretiker Antonin Artaud (1896 – 1948), der zeitweise zur Gruppe der Surrealisten gehörte, machte seine Verrückt-heit zum Ausgangspunkt einer radikalen Ästhetik (die übrigens auch Gilles Deleuze und Félix Guattari zu ihrer Begriffsfigur des 'organlosen Körpers' inspirierte). Nancy greift diesen Gestus auf, um der radikalen Entfremdungserfahrung gerecht zu werden, die die Herztransplantation für ihn bedeutete, und um diese persönliche Erfahrung in eine philosophische Schule des Denkens des Anderen und Fremden – der 'Alterität’ – einzuschreiben, die seinen philosophischen Werdegang maßgeblich bestimmte:

Der Eindringling verschafft sich gewaltsam Eintritt … Etwas vom Eindringling muß der Fremde haben, sonst büßt er seine Fremdheit ein. … Bleibt er ein Fremder, nachdem er angekommen ist, hört sein Ankommen nicht auf. Er wird nicht einfach „heimisch“… Er ist weiterhin einer, der ankommt, der sich im Kommen befindet. Sein Ankommen ist in jeder Beziehung immer noch ein Eindringen. Er kann sich auf kein Recht, keine Vertrautheit, keine Gewöhnung berufen, im Gegenteil: es ist eine Störung, ein Aufruhr im Innersten.
Dieses also muß man denken und folglich in Praxis umsetzen. Sonst wird die Fremdheit des Fremden aufgefangen, bevor er überhaupt die Schwelle überquert hat. Es geht dann nicht mehr um seine Fremdheit. Daß man den Fremden empfängt, muß auch darauf hinauslaufen, daß man sein Eindringen erfährt.

Es fällt schwer, dieses Zusammentreffen eines durch jahrzehntelanges Lesen und Nachdenken geschulten Geistes mit den Zufälligkeiten einer tödlichen Krankheit und einer spektakulären technischen Heilungsoption nicht als schicksalhaft zu begreifen. Auch wenn der Autor vehement gegen die naheliegende, gewohnte Interpretation des existenziellen Geschehens als 'Fügung' anschreibt:

Von Anfang an ist mein Über- und Weiterleben in einen komplexen, von Fremden und Fremdartigem gebildeten Prozeß verwickelt.
Worüber müssen sich bei der letzten Entscheidung alle einig sein? Über ein Fortleben, das man strenggenommen nicht von dem Standpunkt der reinen Notwendigkeit aus betrachten kann – wo würde man eine solche Notwendigkeit ausfindig machen wollen? Was würde dazu nötigen, mein Überleben zu sichern? Diese Frage führt dazu, viele andere Fragen aufzuwerfen. Warum ich? Warum soll man überhaupt fortleben? Was heißt „Überleben“, „Fortleben“, „Weiterleben“? Sind das denn angemessene Ausdrücke? In welcher Hinsicht ist die Lebensdauer ein Gut? Ich bin zu jenem Zeitpunkt fünfzig Jahre alt. Ein junges Alter nur für die Bevölkerung eines entwickelten Landes im ausgehenden zwanzigsten Jahrhundert… In diesem Alter zu sterben, war noch vor zwei- oder dreihundert Jahren nichts Ungeheuerliches oder Skandalöses. Weshalb fällt mir heute und in diesem Zusammenhang das Wort „skandalös“ ein? Wie ist es möglich, daß es für uns, die „Entwickelten“ des Jahres 2000, keine „rechte Zeit“ zum Sterben mehr gibt (zumindest dann nicht, wenn man jünger ist als achtzig Jahre, ein Alter, das sich weiterhin erhöhen wird)? Nachdem man die Suche nach der Ursache für meine Kardiomyopathie aufgegeben hatte, sagte mir ein Arzt, mein Herz sei programmiert gewesen, um bis zum fünfzigsten Lebensjahr zu schlagen. Doch was ist das für ein Programm, in dem ich weder ein Schicksal noch eine Vorsehung zu erblicken vermag? Es ist lediglich eine kurze programmatische Folge in der allgemeinen Abwesenheit eines Programms.

Spätestens seit Descartes hat die moderne Menschheit den Wunsch nach einem Fortleben und nach der Unsterblichkeit in ein Moment des allgemeinen Programms einer „Beherrschung und Aneignung der Natur“ verwandelt. Sie hat so einem Anwachsen der Fremdheit der „Natur“ den Weg vorgezeichnet. Sie hat die absolute Fremdheit des doppelten Rätsels, das in der Sterblichkeit und in der Unsterblichkeit liegt, zu neuem Leben erweckt. Jenes, für das die Religionen einstanden, hat sie als Kraft einer Technik zugeführt, die das Ende aufschiebt und mit ihm den Zweck. Indem sie die Dauer verlängert, zeigt sie eine End- und Ziellosigkeit an, ein Fehlen von Ende und Zweck. Welches Leben soll man verlängern – und zu welchem Zweck? Daß man den Tod aufschiebt, bedeutet auch, daß man ihn ausstellt und dadurch hervorhebt.

Am Ende verstärkt und bestätigt die Erfahrung der Krankheit und der Operation auf schmerzhafteste, konkret körperlichste Art und Weise die immer schon vorhandene (philosophische) Erkenntnis der Fremdheit gegenüber dem eigenen „Ich“, dem, was der Gesellschaft als ein scheinbar geschlossenes und ganzes Subjekt entgegentritt:

Welch’ seltsames und fremdes Selbst!
Nicht, weil man micht geöffnet und durch die klaffende Öffnung „mein“ Herz ersetzt hat, sondern weil sich das Aufklaffende nicht mehr schließen läßt. (Jede Radiographie verdeutlicht es: das Brustbeit ist mit den gewundenen Enden eiserner Fäden vernäht.) Ich bin offen geschlossen. Da ist eine Öffnung, durch die eine unaufhaltsame Strömung von Fremdartigem fließt: die Medikamente, die eine Immunschwäche hervorrufen, die anderen Medikamente, die bestimmte sogenannte Sekundärfolgen bekämpfen, die Folgen, die man nicht bekämpfen kann (Abbau der Nierenfunktion), die wiederholten Kontrolluntersuchungen – das ganze Dasein in ein neues Register eingetragen, vollkommen leergefegt; das Leben dem Scanner ausgesetzt und auf verschiedene Register verteilt, die jeweils mit neuen Möglichkeiten des Sterbens einhergehen.
So werde ich selber zu meinem eigenen Eindringling, auf all diese angehäuften und einander entgegengesetzten Weisen.
Ich kann es genau fühlen, da es viel stärker ist als ein Gefühl: nie hat die Fremdheit meiner Identität, die ich stets deutlich empfunden habe, mich so heftig berührt und sich mit solcher Schärfe bemerkbar gemacht. Das „Ich“ ist deutlich zum formalen Index einer nicht nachprüfbaren und nicht faßbaren Verkettung geworden. Immer schon hat sich zwischen meinem Selbst und meinem Selbst ein Zeitraum erstreckt; doch jetzt ist da die Öffnung eines Einschnitts, das Unversöhnliche einer Immunität, der man in die Quere gekommen ist.

Zu der ganz und gar alltäglich gewordenen Einnahme von Medikamenten und den Kontrolluntersuchungen im Krankenhaus kommen die Auswirkungen der Radiotherapie auf die Zähne hinzu, der Verlust des Speichels, die Überwachung der Nahrung und der ansteckenden Berührungen, die Schwächen der Muskel und der Nieren, die Verminderung des Erinnerungsvermögens und der Arbeitskraft, die Lektüre der Analysen und ihrer Ergebnisse, die heimtückische Rückkehr der Schleimhautentzündung, der Candidose, der Polyneuritis, das allgemeine Gefühl, nicht mehr von einem Netz unterscheidbar zu sein, das Maßnahmen und Beobachtungen spinnen, chemische, institutionelle und symbolische Verbindungen, die nicht unbemerkt bleiben können wie jene des gemeinen Lebens, ja, deren Gegenwart und Aufsicht das Leben ständig und ausdrücklich an sie mahnen. Ich bin nunmehr unablösbar von einer polymorphen Auflösung.

Der Eindringling setzt mich unverhältnismäßig aus. Er bewirkt meinen Ausstoß, trägt mich heraus und enteignet mich. Ich bin die Krankheit und die Medizin, ich bin die kanzeröse Zelle und das verpflanzte Organ, ich bin die das Immunsystem schwächenden Kräfte und deren Palliative, ich bin die Enden der eisernen Fäden, die meinen Brustkorb zusammenhalten, und die Einspritzöffnung, die für den Rest meines Lebens unterhalb meines Schlüsselbeins angebracht ist, so wie ich früher bereits die Schrauben in meiner Hüfte und die Platte in meinem After war. Ich verwandle mich in den Androiden der Science Fiction oder in einen Scheintoten, wie mein jüngster Sohn es einmal ausgedrückt hat.

Gemeinsam mit all meinen immer zahlreicher werdenden Nächsten, bin ich – sind wir tatsächlich die Anfänge einer Mutation. Der Mensch beginnt (stets wieder) damit, den Menschen unendlich zu übersteigen (nichts anderes bedeutet die Rede vom „Tod Gottes“), wie immer man sie auch deutet). Er wird zu dem, war er ist, zu dem schreckenerregendsten und beunruhigensten aller Techniker, als den Sophokles ihn vor fünfundzwanzig Jahrhunderten bezeichnet hat, zu dem, der die Natur denaturiert und neu schafft, zu dem, der die Schöpfung wieder erfindet, zu dem, der sie aus dem Nichts heraustreten läßt und vielleicht erneut dem Nichts zuführt. Zu dem, der  des Ursprungs und des Endes mächtig ist.

(Jean-Luc Nancy: Der Eindringling. Das fremde Herz, Berlin 2000 [Paris 1999]; S. 7ff., 21ff., 37ff., 47ff.)