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Cornelius Borck: Das Gehirn im Zeitbild

Als Hans Berger 1929 seine Versuche zur Messung von Hirnströmen mit Hilfe der von ihm entwickelten Elektroenzephalographie (EEG) publizierte, bewegte er sich damit im Feld einer 'Elektrifizierung' des Lebens, die nicht nur die Wissenschaft sondern auch die Alltagskultur und die öffentlichen Imaginationen seiner Zeit entscheidend prägte.

Bild: Fritz Kahn: Arzt der Zukunft (Berliner Illustrirte Zeitung, 7.6.1925)

Ausgehend von den populärwissenschaftlichen Illustrationen Fritz Kahns hat Cornelius Borck das Zusammenspiel von wissenschaftlicher Forschung, Zukunftsphantasien, gesellschaftlichen und technisch-medialen Entwicklungen nachgezeichnet, das den neurophysiologischen Diskurs bestimmte und so neue Körper- und Menschenbilder hervorbrachte:

In ihrer Ausgabe vom 7. Juni 1925 wagte die Berliner Illustrierte Zeitung eine Prognose über die zu erwartenden Folgen des diagnostischen und technischen Fortschritts auf den Beruf des Arztes: Aus dem 'guten alten Hausdoktor, der mit würdiger Miene seine geheimnisvollen Rezepte' verschreibe, werde bald 'ein Bioingenieur', der im teletechnischen Verbund von Radio, Telephon, Röntgen und Elektrokardiografie (EKG) seine Patienten nur noch per Ferndiagnose und Ferntherapie behandeln werde. Der Autor des Beitrags, der Gynäkologe, Medizinaufklärer und Medizinjournalist Fritz Kahn, entwarf dieses Szenario in der meistgelesenen Wochenzeitung der Weimarer Republik gleich auch visuell. ...

ELEKTRIFIZIERUNG DES KÖRPERBILDES
Im Zeitalter der elektrotechnischen Telekommunikation war aus dem Patienten ein austauschbares Ensemble laborwissenschaftlicher Parameter geworden. Allmachtsphantasien einer zentralisierten Kontrolle über den menschlichen Körper per Telekommunikation gingen dabei Hand in Hand mit einem Verschwinden eben dieses Körpers in wissenschaftlich-technischen Repräsentationen.
Kahns Zukunftsmedizin der telemedialen Repräsentation des Körpers markierte dabei nur eine Facette eines sehr viel durchgreifenderen Wandels des Körperbildes im Zuge der Elektrifizierung und in Wechselwirkung mit zeitgenössischen Medienentwicklungen, denn der technologische Wandel transzendierte den hier skizzierten Prozess einer blossen Implementierung neuer technischer Lösungen und provozierte eine Rekonfigurierung des menschlichen Körpers, beziehungsweise menschlicher Geist- und Seelenvorstellungen am Leitfaden elektrotechnischer Modelle.
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Die Elektrifizierung drang, metaphorisch gesprochen, bis ins Innere des Körpers vor. In zahllosen Schalt-, Schreib- und Aufzeichnungskreisen wurden Mensch, Maschine, Geist und Psyche immer wieder neu zusammengeschlossen, und das 'Seelenleben', die Funktionsweise von Psyche und Gehirn, wurde zur exponierten Schnittstelle einer Vernetzung heterogener Diskurse. In Wechselwirkung mit der konkreten elektrotechnischen Vernetzung des Alltags durch Steckdose, Stromverbund, Telefon und Radio konnten im Bild des Stromkreises vielfältige Phantasien und Vorstellungen zur Interdependenz von Mensch und Seele, Leben und Natur kristallisieren. Die Invasion der Elektrotechnik transformierte den Körper zu einem biologischelektrotechnisch-medialen Hybrid. Angesichts der langen und vielfältigen Beziehungen zwischen Elektrizitätsvorstellungen und Konzepten zur Nervenfunktion kann es dabei kaum überraschen, dass die Elektrifizierung des Körpers im Bereich der neurophysiologischen Vorstellungen ganz besondere Resonanzen erzeugte. ...

EXPERIMENTALISIERUNG DES LEBENS
Die Konstituierung der Physiologie als Experimentalwissenschaft im 19. Jahrhundert ist eine 'Experimentalisierung des Lebens' genannt worden, weil die Einführung von Laborpraktiken in die biologischen Wissenschaften eine Transformation von Lebenskonzepten in experimentell beobachtbare und beeinflussbare Prozesse bedeutete. Diese Neukonstituierung der Lebens- als Laborwissenschaften führte im Zuge der Industrialisierung zu einer 'Verwissenschaftlichung des Körpers', die weit über die Physiologie hinausreichte und in der sie zur 'Leitwissenschaft des 19. Jahrhunderts' avancierte. Die Physiologie wurde zum Modellfall wissenschaftlicher Strategien in den Human- und Lebenswissenschaften, wobei ihre Forschungspraktiken und Experimentalkulturen an der Wende zum 20. Jahrhundert im Sinne einer Avantgarde-Kultur auf andere Humanwissenschaften, die Künste etc. übergriffen. Davon hebt sich die Phase nach dem Ende des Ersten Weltkriegs dadurch ab, dass die Experimentalisierung des Lebens nun im Rahmen des allgemeinen Rationalisierungsdiskurses und der zunehmenden Verwissenschaftlichung immer weiterer Bereiche der Gesellschaft eine Massenbewegung darstellte, die von der Krüppelfürsorge über die Arbeitsphysiologie bis zur rationellen Küchenorganisation und Schönheitspflege reichte. Die Experimentalisierung des Lebens war damit in doppelter Weise im Alltag angekommen: Einerseits wurden jetzt im Sinne einer totalisierenden Bewegung immer mehr und immer alltäglichere Phänomene und Vorgänge zum Gegenstand laborwissenschaftlicher Analyse. Andererseits wurde die Öffentlichkeit selbst zum Austragungsort und zum Akteur dieser Experimentalisierung, nämlich im Doppelspiel einer Entdeckung von Wissenschaft als Gegenstand populärer Aufmerksamkeit und einer Popularisierung von Wissenschaft in die Massenkultur. Die Phase der Experimentalisierung des Alltagslebens vereinte zweierlei, eine Verwissenschaftlichung des Alltags und eine Epistemologisierung alltäglichen beziehungsweise populären Wissens.

 

Zitate aus:
Cornelius Borck: 'Das Gehirn im Zeitbild. Populäre Neurophysiologie in der Weimarer Republik', in: David Gugerli & Barbara Orland (Hg.): Ganz normale Bilder. Historische Beiträge zur visuellen Herstellung von Selbstverständlichkeit (Interferenzen - Studien zur Kulturgeschichte der Technik, Band 2), Zürich 2002, S. 195-225.
Der gesamte Band Interferenzen 2, der diesen Aufsatz von Cornelius Borck enthält, kann hier heruntergeladen werden.

In seinem Buch Hirnströme - Eine Kulturgeschichte der Elektroenzephalographie (Göttingen 2005) führt Borck die Geschichte des EEG und von Hans Berger aus und bettet sie kultur-, wissens- und medienhistorisch ein.

Cornelius Borck wird am Donnerstag, 12.5. als Gesprächspartner von Aubrey de Grey sowie als Referent am Kongress Die Untoten teilnehmen. Außerdem bietet er den Workshop Maschinenmenschen – Menschenmaschinen an.