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Demenz - Im Zwischenreich der Geister [Jutta Brückner]

Die Drehbuchautorin, Regisseurin und Produzentin Jutta Brückner ließ in ihrem ersten Film Tue Recht und scheue niemand von 1975 ihre damals fast 60jährige Mutter Gerda Siepenbrink in Interviews und Fotos ihr Leben erzählen. Inzwischen hat Gerda Siepenbrink Alzheimer, lebt in einem Pflegeheim und erkennt ihre Tochter nicht mehr.

DEMENZ
In der individuellen Auseinandersetzung mit der Demenz ihrer Mutter bringt Brückner aber ein Thema zur Sprache, das besonders wohlhabende Gesellschaften wie Deutschland auch generell zunehmend beschäftigen wird. Durch die sinkenden Kinderzahlen und die steigende Lebenserwartung nimmt in Deutschland der Anteil älterer Menschen zu. Und mit steigendem Alter steigt auch die Wahrscheinlichkeit von Demenzerkrankungen.

Mit dem Begriff 'Demenz' wird eine ganze Gruppe von Krankheitsbildern bezeichnet, bei denen wichtige Funktionen des Gehirns wie Gedächtnisfähigkeit, Orientierung, Sprache, Urteils-und Auffassungsfähigkeit nach und nach abhanden kommen. In Deutschland leben rund 1,3 Millionen Menschen mit Demenz, Prognosen sprechen davon, dass sich diese Zahl bis 2050 verdoppeln wird. Den größten Anteil davon – circa zwei Drittel – machen Alzheimererkrankungen aus (Demenz-Report 2011 des Berlin-Instituts [link]).
Altersdemenz ist also etwas, das in Zukunft immer mehr Menschen auf die eine oder andere Weise begegnen wird. Sei es, dass man selbst dement wird, sei es im direkten Umfeld der Angehörigen, Eltern, Lebenspartner und Freunde, sei es als Pflegepersonal in Heimen, Krankenhäusern oder ambulanten Diensten, aber auch als gesellschaftliches und politisches Thema. Beim 'Pflegedialog Demenz' des Bundesgesundheitsministers, der am 14. Februar 2011 stattfand [link], klang entsprechend auch die Frage an, was für Folgerungen aus dieser Entwicklung grundsätzlich für die Konzeption und die Formen der Pflege zu ziehen wären.

IM ZWISCHENREICH DER GEISTER
Aber Demenz bedeutet eben auch eine schwerwiegende unmittelbare Erfahrung. Wie Jutta Brückner anhand der Begegnung mit ihrer Mutter eindrücklich beschreibt, wirkt das zum Beispiel auf Begriffe wie Vernünftigkeit, Persönlichkeit, Biographie, Erinnerung:

Inzwischen ist meine Mutter 96 Jahre alt, sie hat Alzheimer und lebt in einem Pflegeheim, nur zwei Straßen von meiner Wohnung entfernt. Wer einmal Zeuge eines solchen Prozesses der langsamen Verdämmerung gewesen ist, weiß, dass es die Hölle ist für den Kranken, der merkt, wie er sich verliert, aber auch für den Angehörigen, der nicht helfen kann. Die Sätze meiner Mutter wurden zusammenhangloser und chaotischer, ihre Hörschwäche wurde zur Taubheit und je weniger sie noch hörte, desto größer wurde ihr Mitteilungsdrang. Sie sprach jetzt ohne Punkt und Komma und es reichte, irgendetwas zu sagen, nur um ihren Redefluss in Gang zu halten. Es reichte sogar, wenn ich einfach ab und zu die Lippen bewegte. Wir hatten eine Unsinnskommunikation.

Aber was hier geschieht und was gesprochen wird, ist nicht einfach nur sinnlos. Brückner entdeckt darin auch Anderes, Neues, möglicherweise ansonsten Verdecktes:

Aber langsam begriff ich, dass dieser Zustand nicht einfach nur ein Verfall war, sondern seine eigenen Wahrheiten hatte. Die Demenz meiner Mutter war von der alltäglichen Vernunft her gesehen nur Chaos, aber in diesem Meer von Worten tauchten, wie Inseln, Einsichten von tiefer Wahrheit auf. Wünsche, die sie nie ausgesprochen hatte, die ihr wahrscheinlich noch nicht einmal bewusst waren, verwandelten sich in Erlebnisse. Diese ängstlichprüde Frau 'erlebt' im Heim eine Romanze mit einem Pfleger, die sie großmütig beendet, weil sie nicht will, dass er sich ihretwegen von seiner Frau scheiden lässt. ... Sie 'kümmert' sich liebevoll um meine drei Kinder (ich bin kinderlos), besonders um die Kleine, die ihr Leben in einem Weidenkörbchen in meinem Bücherschrank verbringt, sie gibt mir Tipps für die Erziehung und das Kochen (sie hat das Kochen ein Leben lang gehasst). So reparierte sie wieder die Generationenkette, die ich zerrissen habe. ...
In ihrer Demenz gestaltet meine Mutter den letzten Akt ihrer Biografie.

Dabei scheint für Brückner ein 'Dasein auf der Schwelle' auf, das das herkömmliche Verständnis von Selbstbestimmung und Kontrolle ins Schwanken bringt:

Die Demenz meiner Mutter war fast zwei Jahre lang ein Dasein auf der Schwelle, ein N i c h t m e h r / N o c h n i c h t, das die einfache Abfolge von Leben und Tod unterläuft. Dieses Zwischenreich der Geister ähnelt nicht dem, was in unserer Kultur immer mit 'Würde und Selbstbestimmung bis zum Ende' bezeichnet wird, denn damit wird immer die volle Kontrolle über den Verstand gemeint. Die Seele ist uns bestenfalls 'das innere Afrika', wie Freud gesagt hat. Aber die Entgrenzung, die meine Mutter in ihren halluzinierten Erlebnissen betrieb, hatte mehr mit Selbstbestimmung zu tun als vieles andere in den früheren Jahren ihrer Existenz. In der langen Phase ihres Dementwerdens gab es immer wieder Momente, in denen ich dachte: Nie war sie so lebendig wie jetzt. Wer redet, ist nicht tot.

Den Wert dieses Zwischenzustands können wir in unserer materialistischen Kultur nur schwer begreifen.

Der Text von Jutta Brückner: 'Im Zwischenreich der Geister', aus dem hier Teile wiedergegeben werden, ist im aktuellen magazin der kulturstiftung des bundes (Nr. 17, Frühjahr 2011) abgedruckt, das eines seiner Schwerpunktthemen der Veranstaltung Die Untoten - Life Sciences & Pulp Fiction widmet [link].

Jutta Brückner wird am Donnerstag, 12.5. Im Zwischenreich der Geister (Film und Installation) auf dem Kongress Die Untoten präsentieren.

Weitere Informationen zu Jutta Brückner und ihren Film Tue Recht und scheue niemand finden sich auf ihrer Website [link].