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1967/68 – Das fremde Herz

Der spektakulärste Durchbruch der modernen Apparatemedizin waren 1967/68 die ersten gelungenen Herztransplantationen.

[Christiaan Barnard]

Sie wurden von einem dreißigköpfigen Team am Groote-Schuur-Hospital in Kapstadt unter der Leitung des Chirurgen Christiaan Barnard durchgeführt. Die Welt schaute gebannt zu, Journalisten belagerten das Krankenbett des 55 Jahre alten, schwer herzkranken Patienten Louis Washkansky, nachdem diesem in der Nacht vom 1. auf den 2. Dezember 1967 in einer fünfstündigen Operation ein neues Herz eingesetzt worden war. „Washy wohlauf – Ärzte erschöpft“, titelte in der BRD die Bild-Zeitung. Und wenig später: „Washy sonnte sich auf dem Balkon“.

DENISE DARVELL
Das Herz stammte von Denise Darvall, einer 25-jährigen weißen Südafrikanerin aus Kapstadt, die bei einem Autounfall tödlich verletzt worden war. Die südafrikanische Autorin Jane Taylor mutmaßt in ihrem 2009 erschienenen Roman "The Transplant Men" [link], dass nur die Tatsache, dass bei dem Autounfall auch die Mutter von Dennis Darvall ums Leben gekommen ist, es ihrem Vater ermöglichte, der Organentnahme zuzustimmen. Denn gemeinsam hätte das Elternpaar in dieser erstmaligen und dringlichen Situation nie dazu überredet werden können, das schlagende Herz ihrer Tochter herausschneiden zu lassen. „At the end he holds on to her soul by giving away her heart.“ Ihr Körper wurde verbrannt und beerdigt. Doch ihr Herz schlug weiter, unfassbar für die Menschen damals. Barnard verwandelte sich über Nacht in einen internationalen Star und südafrikanischen Nationalhelden, man feierte ihn als „Mann mit den goldenen Händen“.

ABSTOSSUNG
Allerdings starb der Mann mit dem neuen Herzen 18 Tage nach der Operation an einer Lungenentzündung. Das größte Problem bei einer Herztransplantation sind die Abstoßungsreaktionen. Der Körper will das fremde Organ nicht. Deshalb werden starke Medikamente verabreicht, die das Immunsystem mehr oder weniger außer Kraft setzen und den Körper extrem anfällig für alle Arten von Infektionen machen. Erst die nächste Herztransplantation, die bereits wenige Wochen später, am 2. Januar 1968, ebenfalls von Barnard und seinem Team durchgeführt wurde, war von einem etwas nachhaltigeren Erfolg gekrönt. Der Patient Philip Blaiberg lebte nach überstandener Operation bis zum September 1969. Wieder verfolgte die internationale Presse aufgeregt Blaibergs „zweites Leben“.

BOOM
Nach den ersten erfolgreichen Operationen gab es einen regelrechten Boom. Weltweit standen etwa 20 Teams bereit, die technisch und logistisch dazu in der Lage waren, Herztransplantationen durchzuführen und dies auch taten: so im Maimonides Hospital in New York, an der Stanford University, am Hôpital de la Pitié Salpétrière in Paris, am Texas Medical Center in Houston und an der Zenker-Klinik (heute Deutsches Herzzentrum) in München. Doch ebbte diese erste Welle schnell wieder ab, weil zu viele Patienten zu schnell verstarben. Erst Anfang der 1980er-Jahre, nach Zulassung des auf den Wirkstoffen in einem norwegischen Schlauchpilz basierenden Mittels Cyclosoporin A, mit dem das Problem der Abstoßungsreaktionen nach Organtransplantationen in den Griff zu bekommen ist, schnellte die Anzahl der Herztransplantationen wieder nach oben. So wurden 1985 weltweit bereits über 1000 solcher Eingriffe durchgeführt, seit Beginn der 1990er pendelte sich diese Zahl jährlich zwischen 3000 und 4000 ein. 

SITZ DER PERSÖNLICHKEIT
Bis heute wurden weltweit über 80.000 Herzen von Mensch zu Mensch transplantiert, die Chance, eine solche Operation 5 Jahre oder länger zu überleben, beträgt statistisch heute 72 Prozent. Auch wenn es sich damit beileibe noch um kein Massenphänomen handelt – wohl kein anderer medizinischer Eingriff ist geeignet, die faszinierende, zugleich beruhigende und entsetzende Potenz der modernen Intensiv- und Apparatemedizin zu symbolisieren wie die Herztransplantation. Galt und gilt das Herz doch in vielen Kulturen neben dem Gehirn und der materiell nicht fassbaren Seele als wichtigster Ort dessen, was den Kern eines Menschen ausmacht. Allein durch die Möglichkeit der Transplantation wird sinnfällig, wie moderne Medizin und Lebenswissenschaften den menschlichen Leib verwandeln. Sie zerstören konzeptuell seine Ganzheit – nicht nur die des organischen Körpers, sondern, viel schlimmer, die von Körper, Geist und Seele – und lassen ihn zusammengesetzt aus, ersetzbaren, Teilen wiedererstehen: die Organe, ihre Steuerung und der Körper als ihr Behälter.

JEAN LUC NANCY
„Der Eindringling“, schreibt der französische Philosoph Jean Luc Nancy Ende der 1990er-Jahre in einem Text über das „fremde Herz“, das ihm per Transplantation eingesetzt worden war [link], „setzt mich unverhältnismäßig aus. Es bewirkt meinen Ausstoß, trägt mich heraus und enteignet mich. Ich bin die Krankheit und die Medizin, ich bin die karzineröse Zelle und das verpflanzte Organ, ich bin die das Immunsystem schwächenden Kräfte und deren Palliative, ich bin die Enden der eisernen Fäden, die meinen Brustkorb zusammenhalten, und die Einspritzöffnung, die für den Rest meines Lebens unterhalb meines Schlüsselbeins angebracht worden ist …. Ich verwandle mich … in einen Scheintoten, wie mein jüngster Sohn es einmal ausgedrückt hat.“

HYBRIDE
Die Transplantation bewirkt das Entstehen von hybriden Körpern, zusammengesetzt aus - Lebenden und Toten: Wenn das Herz einer der Sitze der Persönlichkeit einer Toten war, lebt sie mit ihrem Herz im neuen Körper weiter?- Organischem und Künstlichem: Das erste künstliche Herz wurde im Jahr 1969 einem Patienten operativ eingesetzt, bereits seit den frühen 1950er-Jahren verwendete man externe künstliche Herzen zur Überbrückung der Lebensfunktionen bei Herzoperationen; - verschiedenen Arten: Die sogenannte Xenotransplantation, also z.B. das Einsetzen tierischer Organe in menschliche Körper, ist eine der umstrittensten möglichen Praktiken im Zusammenhang mit der Transplantationsmedizin. Die einen sehen in der Heranzüchtung von Organen in Tieren, die dem Menschen in ihren körperlichen Funktionen möglichst ähnlich sind (allen voran die Schweine; George Orwell hätte seine Freude ...), eine ideale Möglichkeit, zukünftig die ethischen und quantitativen Probleme bei der Suche nach geeigneten Spenderorganen zu umgehen. Die anderen empfinden die Vermischung von tierischen und menschlichen Körpern als Skandal apokalyptischen Ausmaßes.

ANTI-APARTHEID
Das Problem der Hybridisierung stellte sich übrigens schon bei den ersten gelungenen Herztransplantationen in Kapstadt: Für den weißen Patienten Louis Washkansky hätte bereits einige Wochen eher ein geeignetes Spenderherz zur Verfügung gestanden, allerdings das eines Schwarzen. Barnard entschied sich aus Gründen politischer Opportunität dagegen, dieses Herz einzupflanzen. Die Welt sollte keinen Anlass zu düsteren Spekulationen erhalten, wenn im Apartheids-Staat einem weißen Patienten das Herz eines Schwarzen eingepflanzt wurde. Beim nächsten Patienten, Philip Blaiberg, spielten solche Überlegungen schon keine entscheidende Rolle mehr – er erhielt das Herz eines farbigen Bauarbeiters. Und eine Niere der weißen Spenderin Denise Darvall, deren Herz „Washy“ bekommen hatte, wurde einem farbigen Patienten eingesetzt. So erweist es sich als sarkastische Pointe des Schicksals, das ausgerechnet das Land, in dem seit 1948 die „ungebührliche Vermischung“ von Menschen verschiedener Hautfarbe zur Staatsdoktrin erhoben worden war, zum Schauplatz des ersten Erfolgs dieser neuen Medizintechnik wurde, die die Vermischung programmatisch zum Mittelpunkt hat.

Hannah Hurtzig, Alexander Klose