Jahre

I feel like a Zombie, but that's alright? – Erfahrungen eines Parkinson-Kranken [Helmut Dubiel]

Ein neurologisch Erkrankter wird durch langfristige Tabletteneinnahme zum Zombie, durch den Schrittmacher zu Frankensteins Monster. So die ziemlich harsche Zwischenbilanz des Soziologen Helmut Dubiel im Rückblick auf dreizehn Jahre Parkinson-Erkrankung. Das nachwievor unheilbare Leiden, das eigentlich als eine Alterskrankheit gilt und dessen sich steigernde Symptomatik bislang bestenfalls gebremst und abgepuffert werden kann, ereilte ihn mit nicht einmal 50 Jahren.Über einen langen Zeitraum hinweg wurden seine Symptome medikamentös behandelt, mit dem Mittel L-Dopa, das die durch die Krankheit verursachte Unterversorgung des Gehirns mit dem Neurotransmitter Dopamin ausgleicht. Allerdings lässt die Verlässlichkeit der L-Dopa-Präparate mit den Jahren ihrer Einnahme nach. Es kommt zu starken Wirkungsschwankungen, die zum plötzlichen Wechsel der für den Parkinson typischen Zustände überschießender Motorik und fast völliger Unbeweglichkeit führen.

Darum wurde Dubiel operativ ein 'Gehirnschrittmacher' eingesetzt, eine elektrische Sonde, die, direkt in der betroffenen Gehirnregion platziert, regelmäßige elektrische Impulse aussendet. Dies führte bei Dubiel zu einer starken Verbesserung der motorischen Symptomatik, allerdings zu dem Preis, dass sich auch sein Empfinden, seine Wahrnehmung und sein Denken durch die Wirkung der elektrischen Stimulation veränderte.

Dubiel hat ein Buch über seine inzwischen 15 Jahre währenden Erfahrungen mit der Krankheit geschrieben, das 2006 erschien: Tief im Hirn. Mein Leben mit Parkinson. Das ist, trotz aller schwierigen und traurigen Episoden, kein deprimierter Text geworden, kein Abgesang und keine Abrechnung. Sondern 'vor allem eine kurze Abhandlung über das Glück', wie es in einer Zeitungsrezension sehr treffend hieß. Brillant sind – neben den sehr persönlichen, autobiografischen Passagen, die davon berichten, wie Dubiel versuchte, die Krankheit in sein Leben einzupassen und umgekehrt, wie sein Leben sich der Krankheit anzupassen hatte – vor allem auch die Stellen, in denen der Sozialwissenschaftler seine eigenen Erfahrungen und das, was er über den Stand der medizinischen Forschungen recherchiert hat, in größere gesellschaftliche und philosophische Zusammenhänge stellt.

Im Folgenden ein paar kurze Abschnitte:

ENTGLEISENDER ALTERUNGSPROZESS
Parkinson gilt auch deshalb heute noch als Alterskrankheit, weil ihre wichtigsten Symptome eingebettet sind in unspezifische Bewegungsstörungen, die fast jeder Mensch im höheren Alter entwickelt. Die allgemeine Steifheit der Muskeln, eine gewisse Rigidität der Bewegungen und ein leichter Tremor sind – für sich genommen – noch kein Krankheitszeichen. Dennoch wäre die Aussage,  in fast jedem Alterungsprozess offenbare sich ein milder Parkinson, verharmlosend. Vielleicht könnte man sagen, dass der Alterungsprozess entgleist.

NARZISSTISCHE KRÄNKUNG
Die erste und zugleich die nachhaltigste Empfindung, die die Diagnose Parkinson auslöste, war die einer tiefen narzisstischen Kränkung – eine Kränkung, die in ihrer Schwere durch keine mir von Menschen je zugefügte übertroffen wurde. Auf einen Schlag fühlte ich mich ausgeschlossen von der Gemeinschaft derer, die einfach über ihre Körper verfügen können, bei denen es zwischen Handlungsimpuls und Handlung keine Reibungsverluste gibt. Am Beginn noch selten, im Verlauf der Krankheit dann immer häufiger, aber niemals berechenbar, erwies sich mein Körper als ein von mir getrenntes Subjekt, das seine eigenen unerforschlichen Wege geht. Vor größeren sozialen oder physischen Unternehmungen wie einer Party oder einem Spaziergang musste ich erst die Leistungsbereitschaft meines Körpers testen.

SCHWUNDFORM DES LEBENS
Die volle Wucht der Wahrheit hätte in der Einsicht bestanden, dass eine stark einschränkende und unheilbare Krankheit wie Parkinson, wenn sie voll entwickelt ist, einen Menschen eben der Fähigkeit beraubt, sich selbst immer wieder neu zu erfinden. Sie pfercht ihn ein in einen engen Kreislauf der immer gleichen Verrichtungen, deren einzige Logik die des geringsten Widerstandes gegen eine unzuverlässig gewordene Körperlichkeit geworden ist. Das Leben gleicht sich dem einer Pflanze an. Es ist stumm, ohne Transzendenz und Autonomie. Eigentlich ist es schon kein Leben mehr, sondern nur eine Schwundform des Lebens.

AUF DER SUCHE NACH DEM VERLORENEN GLÜCK
Ich denke heute, dass [die] Hoffnungen der neurologische Erkrankten auf Heilung nicht nur trügerisch waren, sondern aus prinzipiellen Gründen auch unerfüllbar sind. Naiv, ja falsch ist die Erwartung, dass die Jahre, die uns eine erfolgreiche Medizin schenken könnte, selbstverständlich gute und erfolgreiche Jahre wären. Woher nehmen wir diese Sicherheit? Manches Mal habe ich Angst, dass ich in den langen Jahren der Krankheit und der Hoffnungslosigkeit die Fähigkeit zum Glück eingebüßt habe. Die moderne Medizin wird uns bei der Suche nach dem verlorenen Glück nicht helfen können.

Zitierte Passagen aus: Helmut Dubiel, Tief im Hirn. Mein Leben mit Parkinson, München 2008 (2006); S. 13, 39, 66 u. 88.